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Der helle Stern und die Herzwelle

Dieses Jahr feiern wir unser 25-jähriges Vereinsjubiläum. Für diesen Anlass haben wir einige größere Veranstaltungen geplant. Den Auftakt für diese gemeinsame Feier durften wir mit Robert Göslbauer (9. Dan DKI Kyusho Jitsu, 6. Dan Shito-Ryu und Begründer des Kyusho Research Institutes) starten. Unser Lehrgang bestand aus einem zweitägigen Seminar mit Einblicken in den Bereich des Shito-Ryu sowie in die Herkunft und Trainingsansätze unserer beiden Gasttrainer.

Nach einer kurzen Vorstellung, ging es direkt ins Training. Unsere Teilnehmer bis zum 4. Kyu begannen ihr Training bei Robert und spezialisierten sich mit der Kata Myojo (heller Stern) auf einfache Kombination welche schnell und einfach zu lernen und umzusetzen waren. Die Kata wurde historisch wohl für Lehrstunden an Schulen entwickelt und bedient sich wiederholender Techniken, die dem Lernenden Sicherheit und trotzdem Variation bieten soll. Sie ist einsteigerfreundlich und stark auf praktische Anwendbarkeit ausgerichtet. Im Anschluss zeigte Robert verschiedene Kombinationen, die darauf abzielen, das Gleichgewicht des Gegners zu brechen und mit weiterführenden Hebelbewegungen zu kontrollieren.

Christian unterrichtete in seiner Einheit Kumite Anwendungen, welche ihren Ursprung in den Pinan Katas hatten. Es wurden Sequenzen der Pinan Yondan und Pinan Godan vorgestellt. Die Pinan Katas wurden vom okinawanischen Meister Itosu Anko entwickelt und sind die älteren und leicht anders verlaufenden Formen der Heian Katas des Shotokan. Christian arbeitete mit einzelnen Sequenzen, die zunächst isoliert geübt und anschließend in praxisnahe Partneranwendungen übertragen wurden. Diese reichten von direkten Kontern bis hin zu komplexeren Hebel- und Kontrolltechniken mit kontinuierlichem Kontakt zum Partner.

Für die Teilnehmer ab 3. Kyu begann Christian die Einheit mit einem lockeren Kihon Ablauf welcher sich später zu der Kata Shinpa(tan) (kurze Herzwelle) zusammensetzte. Shinpa ist eine relativ kurze, äußerst aggressive Kata mit dem klaren Prinzip „Schneiden–Stoßen“. Die Schneidebewegung zielt auf besonders empfindliche Punkte wie Hals, Schläfe, Augen oder Jochbein ab und wird anschließend durch einen Fauststoß oder einer Serie von Fauststößen fortgeführt. Aufgrund ihrer kompromisslosen und sehr aggressiven Ausrichtung sollte sich jeder Übende die Frage stellen, ob man diese Kata überhaupt trainieren will.

Im Training war es ihm wichtig zu zeigen, dass die Techniken sehr vielfältig ausgeführt werden können. Es ist die Aufgabe des Schülers, über viele Jahre hinweg tief in die Kata einzutauchen. Das „Geheimnis“ der Kata offenbart sich nur durch intensives, tiefgründiges Training – mit Partner, an Schlagpolstern, am Makiwara, am Boxsack und in vielen weiteren Übungsformen. Im Shito-Ryu ist sie unter dem Namen Shinpa bekannt.

Die von Robert unterrichtete Kata stand dazu in starkem Kontrast. Nipaipō („28 Schritte“) ist deutlich länger und komplexer aufgebaut. Sie beinhaltete nicht nur unterschiedliche Stellungen, welche sehr schnell durchwechselten, sondern auch weite Techniken, welche Zwischen Schlag-, Stoß- und Wischbewegungen wechselten. Die Nipaipo (28 Techniken), welche aus China nach Japan kam, entstammte dem ursprünglichen Kranich Stil.

Robert erläuterte nicht nur die Entwicklung des Namens von den chinesischen Ursprüngen über die okinawanischen Sprachformen bis hin zu den heutigen japanischen Schriftzeichen, sondern auch die inhaltliche Entwicklung der Kata. Er zeigte, an welchen Stellen ursprüngliche chinesische Elemente erkennbar sind und welche Aspekte durch das Shitō-Ryū ergänzt wurden. Die Kata folgt keinem linearen Ablauf, sondern bewegt sich häufig diagonal oder kehrt zum Ausgangspunkt zurück. Dadurch wirkt sie nicht nur optisch abwechslungsreich, sondern bietet auch vielfältige Anwendungsmöglichkeiten.

Am Sonntag wurden beide Gruppen zusammengeführt, und beide Dozenten unterrichteten jeweils eine Einheit für alle Teilnehmer. Christian nutzte die Gelegenheit, um über die Variationen des Karate zu sprechen, und zeigte mit einem Experiment recht anschaulich, wie sehr sich Stile, Feinheiten oder ganze Kata-Abläufe im Laufe der Zeit verändern können – beeinflusst durch Trends, Können und individuelle Fähigkeiten.

Robert gab in seiner Einheit einen Einblick in seine Trainingsmethodik im Kumite. Er baut sein Kumite für alle Blocktechniken in mehrere Stufen auf. Dabei wird eine simple Kombination von Stufe zu Stufe immer komplexer und er zeigte dabei eindrucksvoll, dass eine Blocktechnik sehr vielfältig auch als Angriffstechnik genutzt werden kann.

 

 

 

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